Wenn die Familie nicht versteht…

Wenn die Familie nicht versteht…

Gerade die Menschen, die mir am nächsten stehen, meine Familie, mein Partner, meine Freunde, sollten doch eigentlich mich und mein Aspie-Kind besser verstehen, sie sollten offener sein und mich nicht mit Sprüchen wie “Du musst aber auch strenger sein”, “der ist doch nur bockig”, “bei mir ist er immer ganz lieb”, “der hat doch nichts” usw. usw. verunsichern und in Frage stellen! Ich bin doch diejenige, die am besten über mein Kind Bescheid weiß! Tag für Tag gebe ich alles, meinem besonderen Kind gerecht zu werden, es optimal zu fordern und zu fördern, dabei immer verständnisvoll und geduldig zu sein, mal ganz abgesehen von den Kämpfen in der Schule, mit den Behörden, der Gesellschaft, die uns das Leben immer wieder schwer machen! Dabei wäre ich für Unterstützung seitens meiner Familie sehr dankbar…

Leider ist es aber nicht so, die Realität sieht anders aus. Es scheint in die Köpfe mancher ansonsten lieben und netten Familienmitglieder einfach nicht hineinzugehen, dass die Schwierigkeiten meines Kindes eben nicht an meiner Erziehung liegen, sondern an seiner “Störung” ASS.

Warum macht mich das unglücklich, wenn diese Leute so sind?

1. Weil ich mir etwas Unerfüllbares wünsche. Genau so wenig wie ich einer Blüte befehlen kann, sich zu öffnen, kann ich es von anderen Menschen erwarten. Jeder denkt was er denkt. Kein Einfluss meinerseits möglich, da kann ich reden, schimpfen, zetern wie ich will. Jeder denkt was er denkt. Auch in einer Familie. Nicht meine Baustelle.

2. Weil ich selbst oft nicht weiß, ob ich mit allem so ganz richtig liege. Das Leben mit einem Aspie ist ein Ausprobieren, was geht wie lange und wann geht’s nicht, wo kann man was zum Besseren verändern, wie wird mein Kind möglichst selbständig, was kann ich verlangen, ohne ihn zu überfordern? Und manchmal kommt es mir auch so vor, als ob er nichts hat…(Vorsicht: das ist ein Gedanke, den bestimmt viele haben, sich aber nicht eingestehen würden), und plötzlich zeigt er mir dann wieder, warum ich mich Tag für Tag anstrenge und an meine Grenzen gehe.

Und wenn dann jemand so was zu mir sagt und offensichtlich nicht erkennt, was ich jeden Tag mit meinem Kind und für mein Kind leiste, legt er seinen Finger in meine Wunde der Unsicherheit, der Frustration, der Schwäche, der Trauer etc. Wenn ich mich  selbst nicht vollständig so akzeptiere, wie ich bin und nicht anerkenne, dass ich immer mein Bestes gebe (ja, auch wenn ich Fehler mache), dann sind es letztendlich meine eigenen Gedanken über mich und meine Situation, die mich in dem Augenblick der Kritik von außen schmerzen (z.B. Ich bin dem eh nicht gewachsen, ich mache es nicht gut genug, ich bin eine schlechte Mutter, warum kann nicht alles “normal” sein? etc.), die anderen halten mir nur den Spiegel vor über mein Verhältnis zu mir selbst. Hier ist die Baustelle! Wie immer bei mir selbst!

Ich bin nun einmal jemand, der schon immer nach Wegen gesucht hat, wie man ein glückliches Leben führen kann, weitgehend unabhängig von äußeren Umständen. Dieses Thema beschäftigt mich  nun schon sehr lange. Vor 11 Jahren wurde mir so ein wunderbares, besonderes Kind geschenkt, das nicht von allen Menschen verstanden wird, das nicht “normal” ist, das eine von der allgemeinen Norm abweichende, kreative Erziehung (oder besser: Begleitung) braucht.

Nach vielen Kämpfen, Anstrengungen, Erklärungsversuchen, schlaflosen Nächten und unschönen Auseinandersetzungen habe ich für mich herausgefunden, dass ein glückliches Leben nur ein authentisches Leben sein kann. Authentisch bin ich, wenn ich immer gut auf mich höre, gut für mich sorge, keine unerfüllbaren Erwartungen an mich stelle, meinen Wert nicht von der Beurteilung anderer Menschen abhängig mache. Authentizität erreiche ich durch Selbstakzeptanz, was im praktischen Sinne bedeutet, dass ich mich nicht rechtfertigen muss für das was ich bin, habe und lebe, weil ich unabhängig von der Meinung anderer Menschen MEIN Leben mit allem, was dazugehört, führe, weil ich selbst weiß, was gut und weniger gut für mich ist und auch danach handle. Hieraus kann eine große Stärke entstehen, die es mir und den mir Anvertrauten möglich macht, mit gutem Selbst-Wert und Selbst-Bewusstsein in diese Welt zu gehen und eigenen Wege zu finden, die uns zu zufriedenen, gütigen, klaren und toleranten Menschen machen, auch wenn diese Wege überhaupt nicht dem allgemeinen Standard des angeblich erstrebenswerten und akzeptablen Lebens entsprechen.

Sich selbst zu akzeptieren bedeutet auch in schwierigen Momenten, wo alles zu viel wird oder man an sich zweifelt, wo man negative Rückmeldungen bekommt, dass man sich keine Selbstvorwürfe macht, sondern immer im tiefsten Inneren weiß, dass man sein Bestes gibt und dieses Beste auch immer gut genug ist! Dann ist es möglich, Entscheidungen in Klarheit zu treffen und entsprechend zu handeln, Kritik anzunehmen wenn sie berechtigt ist, nachsichtig mit sich und anderen zu sein und vielleicht diesen kleinen Teil der Welt, meine Familie und mein unmittelbares Umfeld, zu einem Ort zu machen, den ich mir für mein Kind wünsche, der von Offenheit, Liebe und Toleranz geprägt ist. Täglich arbeite ich daran und gebe nicht auf!